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 Vom Grund des Wüstentals, das leicht zu ver- teidigen und zu kontrollieren war, da es nur einen Zu gang hat, erheben sich steile Felswände. In die Felswände ließen sich die Herrscher der 18. Dynastie ihre großartigen Schachtgräber bauen in der Hoffnung, sie vor der Raublust von Dieben und Plünderern schützen zu können. Bis zur 21. Dynastie hielten die Pharaonen ihre Bestattung im Tal der Könige.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sich die Archäologen darüber einig, daß sich alle von den Pharaonen der 18., 19. und 20. Dynastie getrof- fenen Vorsichtsmaßnahmen gegenüber der Habgier der Grabräuber als wirkungslos erwiesen haben. Bei diesen Dieben handelte es sich um einfache Arbeiter, aber auch um hohe Beamte mit Kontrollfunktionen. So hatten die Funde von königlichen Mumien, die sich in den Verstecken des wie ein Amphitheater geformten Felsgebietes von Deir el-Bahri stapelten, jegliche Hoffnung zerstört, daß man vielleicht doch noch ein unberührtes Königsgrab finden könne. Auch Theodore M. Davis war dieser Überzeugung. Der reiche Amerikaner besaß um 1910 die Grabungsgenehmigung für das Tal der Könige. Nun machte er in einem kleinen, engen Seitental einen außergewöhnlichen Fund:


 Er entdeckte das Grab von Yuya und Thuya, den Schwiegereltern von Amenophis III., in unver- sehrtem Zustand. Dieser Fund hat eine zuvor nie gesehene Menge von Hausrat in hervorragend erhaltenem Zustand an den Tag gebracht. Aber Davis konnte sich einer weiteren wichtigen Ent- deckung rühmen. Im Zentrum des Tals der Könige fand er in einer Grube bescheidenen Ausmaßes die Fragmente einer Goldplatte, auf der die Namen von Tutanchamun und seiner Gemahlin Anchesenamun erhalten waren. Dieser Pharao, ein Herrscher der zweiten Hälfte der 18. Dynastie, hat von 1347/46 bis 1337/36 v. Chr. das Reich geführt. Nicht weit von der ersten wurde eine zweite Grube lokalisiert, die Fragmente von Terrakottagefäßen, Leinenbinden und Stücke von Blumengirlanden enthielt. Davis war überzeugt, daß die erste von ihm entdeckte Grube das ausgeplünderte Grab des Pharao gewesen sei. Also vertraute er das Studium des zweiten Grube gefundenen Materials seinem amerikanischen Kollegen Herbert E. Winlock an, der ebenfalls in dieser Zone arbeitete. Dieser glaubte, es handele sich um Überbleibsel einer langen Einballsamierungszeremonie am Leichnam von Tutanchamun, die unweit vom Grab des Königs vergraben worden seien. Daher mußte sich dieses Grab in unmittelbarer Nähe befinden, zumal der tote Pharao nicht unter jenen Mumien entdeckt worden war, die die thebanischen Priester im Grab von Inhapi in Sicherheit gebracht hatten. So kam es, daß George Herbert Earl of Carnarvon (1866-1923) im Jahre 1914 eine Grabungsgenehmigung für das Tal der Könige beantragte.

 

Die Anregung dazu kam von seinem Mitarbeiter Howard Carter, der überzeugt war, das Grab von Tutanchamun müsse noch intakt sein. Das Gebiet war ihnen durch frühere Forschungsarbeiten bekannt und grenzte an die Zone von EI-Asasif und Dra Abu I'Nega. Der fünfte Earl of Carnarvon war der Sproß einer
berühmten und vermögenden englischen Familie. Da er schon im frühen Kindesalter seine geliebte Mutter verloren hatte, wuchs er vorn Vater umsorgt inmitten der Annehmlichkeiten des Wohlstands auf. Der Vater war ein angesehener Politiker, der sich besonders mit der Außenpolitik im Mittleren Osten beschäftigte. Eine kränkliche Tante, die zum väterlichen Zweig der Familie gehörte, sorgte für den Jungen, dem sie ihre ganze Liebe widmete. Er konnte diese Liebe gut gebrauchen, denn er war schmächtig und hatte eine schwache Lunge, die später von Tuberkulose befallen wurde. Man kannte gegen diese Krankheit keine anderen Mittel als ein ruhiges Leben, reichliche Nahrung und für diejenigen, die es sich leisten konnten, den Aufenthalt in Gebieten mit trockenem Klima. Trotz seiner gesundheitlichen Probleme - vielleicht auch, weil er sie überwinden wollte - verzichtete der junge Lord Carnarvon nicht auf sportliche Aktivitäten und nautische Unternehmungen.



Im Jahre 1903 hielt er sich, bereits verheiratet und stolzer Vater zweier Kinder, wieder in Ägypten auf, um sich nach einer einjährigen Lungenkrankheit keinen Risiken mit möglichen bronchialen Komplikationen auszusetzen. Begeistert von den zahlreichen Ausgrabungen, faßte er den Entschluß, selbst ein Forschungsprojekt in Angriff zu nehmen. Dazu wählte er die Zone von Schech Abd el-Kurna am Westrand von Theben. Hier arbeitete noch ein anderer Engländer - Howard Carter (1873-1939). Er führte für Theodore M. Davis Messungen durch und fertigte Zeichnungen an. Als Sohn eines zu Lebzeiten ziemlich bekannten Malers war Carter bereits in jungen Jahren im Gefolge der vom Egypt Exploration Fund organisierten Expeditionen nach Ägypten gekommen. Zunächst Zeichner, zog er in Mittel- und Oberägypten von einer Ausgra- bungsstätte zur anderen und erweiterte seine theoretischen Kenntnisse. Bei verschiedenen archäologischen Unternehmungen wurde ihm die Leitung übertragen. Schließlich ernannte ihn die Abteilung für Altertümer zum Direktor der Grabungsarbeiten in Nubien und Oberägypten, später in Mittel- und Unterägypten mit dem Sitz in Sakkara.



Unglücklicherweise kam es in Sakkara im Jahr von Lord Carnarvons Ankunft in Kairo zu einem Zwischenfall, dem ein Nachspiel auf diplomatische Ebene folgte. Ursache war ein Streit, den einige hochgestellte französische Touristen provoziert hatten, als sie das Serapeum ohne Eintrittskarte besichtigen wollten (wahrscheinlich litten sie außerdem unter den Nachwirkungen eines ausgedehnten Trinkgelages). Howard Carter lehnte es kategorisch ab, sich dafür zu entschuldigen, daß er sofort die Wächter der Nekropole alarmiert hatte. Er war gezwungen, seinen Rücktritt zu erklären, und kehrte als Zeichner und Mitarbeiter von Theodore M. Davi: nach Theben zurück. Gerade in dieser Zeit stieß Lord Camarvon nach Oberägypten vor, voller Enthusiasmus für die Archäologie und mit dem nötigen Kleingeld zur Beschaffung der für solche Unternehmungen unentbehrlichen Hilfsmittel reichlich versehen. Im Jahr 1906 führte er mit Hilfe einer stattlichen Truppe von Arbeitern sein erstes Forschungsunternehmen in Kurna (West-Theben) durch, das sechs Wochen dauerte. Nun verlangte Gaston Maspero, der sich wegen Carnarvons Unerfahrenheit Sorgen machte die Mitarbeit von Howard Carter, bevor er die Ausgrabungskonzession verlängerte. So konnte man fortan an der Seite des schmächtigen und elegante Lord Carnarvon den bescheideneren, untersetzten Howard Carter sehen. Wie Carnarvon voll Begeisterung an seine Schwester in England schrieb, war: diese Begegnung in jeder Hinsicht glückbringend.

 Im Jahre 1914 überredete Howard Carter, der überzeugt war, daß im Tal der Könige noch inte- ressante Entdeckungen zu machen wären, Lord Carnarvon, eine Konzession für Ausgrabungen in diesen Gebiet zu beantragen. Wegen der Kriegsereignisse begannen die Arbeiten erst 1917, und zwar im Zentrum des Tals, wo be
reits die Hypogäen von Ramses II., seinem Nachfolger Merenptah und von Ramses VII. gefunden worden waren. Diese Jahre waren sehr schwer für Lord Carnarvon. Der Krieg forderte einen schmerzlichen Tribut von ihm, einmal durch den Tod eines jüngeren Bruders und zum andern durch die Sorge um das Schicksal seines Sohnes, der im Feld war. Auch seine schwache Gesundheit machte ihm wieder Sorgen. Nur die kurzen Aufenthalte in Theben, das er in Begleitung von Frau und Tochter immer wieder aufsuchte, brachten ihm Kraft und Erleichterung. Inzwischen setzte Carter seine Forschungsarbeiten weiter fort, allerdings ohne sichtbaren Erfolg. Hatten also doch Davis und Maspero recht, die behaupteten, daß im Tal der Könige, das in jedem Winkel von Dieben ausgeplündert worden war, keine wichtigen Entdeckungen mehr zu machen seien?

 Diese Überlegung veranlaßte Lord Carnarvon 1922, die Nachforschungen in diesem Gebiet einzustellen. Nur aus Freundschaft für Carter übernahm er die Finanzierung einer letzten Ausgrabungskampagne. Immerhin gab es ein Hoffnungszeichen: unter dem Erdreich, das beim Ausschachten des Grabes von Ramses VI. aufgeschüttet worden war, hatte man die Reste einer Siedlung von Arbeiterhütten ge- funden. Dies bedeutete, daß vor dem Baubeginn des Hypogäums von Ramses VI. eine ältere Baustelle existiert haben mußte, die zum Grab eines früheren Pharao gehörte. Da diese Gegend jedoch von zahlreichen Touristen besucht wurde, die vor allem das unterirdische Grab von Ramses VI. anzog, hatte Carter sein Ausgrabungsgebiet etwas verlegt. Im Herbst 1922, als die Touristenschwemme noch nicht eingesetzt hatte, entschloß sich Carter, die Arbeiten an der alten Stelle wieder aufzunehmen, Unter den Hütten kam allmählich die Schicht von Kalksteingeröll zum Vorschein, die den Boden des Tals bildet. Damit schienen sich die Hoffnungen der Ausgräber erneut zerschlagen zu haben. Man kann sich vorstellen, wie bedrückt Carter war, als die Arbeiten ohne sichtbares Ergebnis weitergingen. Am Abend des 3. November gab er, an der Grenze der Resignation angelangt, seinen Helfern für den folgenden Tag den Auftrag, mit dem Entfernen der bereits vermessenen Hüttenreste fortzufahren, um überall bis auf das Niveau des ghebel, das heißt des Felsens, vorzudringen. Am nächsten Morgen...Doch hier lassen wir am besten Howard Carter selbst berichten:


"... Am nächsten Morgen (4. November) war ich gerade zur Grabungsstelle gekommen, als eine ungewöhnliche Stille, die von der Unterbrechung der Arbeit herrührte, mir klar werden ließ, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war. Ich wurde mit der Nachricht empfangen, man habe eine in den Felsen gehauene Treppe unter der ersten Hütte entdeckt, die in Angriff genommen wurde.
Es schien zu schön, um wahr zu sein, doch kaum hatten wir die Aufräumungsarbeiten ein wenig fortgesetzt, da erkannten wir, daß wir wirklich 13 Fuß unterhalb des Eingangs zum Grab von Ramses VI. am Anfang einer in den Felsen gehauenen Treppe standen. . . Die Art, wie der Fels bearbeitet worden war, entsprach ganz den im Tal so verbreiteten Eingängen mit einer versenkten Vortreppe. So wagte ich zu hoffen, daß wir endlich unser Grab entdeckt hätten.
Die Arbeit ging den ganzen Tag über und am nächsten Morgen fieberhaft weiter, aber erst am Nachmittag des 5. November gelang es uns, die Geröllmassen, die die Stufen bedeckten, wegzu- schaffen. Nun konnten wir von oben die Umrisse der Treppe von allen vier Seiten her ausmachen. Endlich stand außer Frage, daß wir den Eingang zu einem Grab vor uns hatten. . ."



Carter war inzwischen sehr skeptisch und durch die vorangegangenen Enttäuschungen äußerst mißtrauisch geworden. Noch befürchtete er, es könne sich um ein unvollendetes und nie benutztes Grab oder wieder einmal um ein ausgeraubtes Grab handeln. Auf mögliche Enttäu- schungen gefaßt - wie er selbst berichtet - und alle aufkeimenden Hoffnungen in sich unterdrückend, stieg Carter die sechzehn Stufen hinab. Aber unten war eine vermauerte Tür, die noch die Abdrücke der antiken Siegel trug! Nur mit Mühe konnte sich Carter zurückhalten, die Sperrmauer nicht sofort niederreißen zu lassen. Also schickte er zunächst ein begeistertes Telegramm an Lord Carnarvon, der ihm seinerseits aus England seine baldige Ankunft ankündigte. Mit einer für jene Zeit außergewöhnlichen Schnelligkeit traf Lord Carnarvon am 23. November am Ausgrabungsort bei Theben ein. Seine Tochter, Lady EveIyn Herbert, begleitete ihn. Am Nachmittag des folgenden Tages begaben sich Carter und Carnarvon zu der versiegelten Tür und entdeckten in den Abdrücken den Namen von Tutanchamun; zugleich fanden sie die Zeichen von zwei Versiegelungen, die zu verschiedenen Zeiten angebracht worden waren. Dieser Sachverhalt ließ an eine Grabschändung denken, die erfolgt sein mußte, bevor der Schutt vom Bau des Ramses-Grabes alles begraben hatte. Zwei Tage später begann man mit der Öffnung der vermauerten Tür.




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